Fritz Vilmar 1929 – 2015

„Kommilitoninnen, Kommilitonen!“ Mit diesem Ruf begannen regelmäßig die Veranstaltungen von Fritz Vilmar. Seit 1975 war er Professor am Otto-Suhr-Institut, nach seiner Emeritierung 1994 lehrte er unvermindert engagiert weiter. Anfang der neunziger Jahre beschäftigten sich nur wenige Lehrende am OSI mit dem deutschen Vereinigungsprozess: Ab 1991 veranstaltete Fritz Vilmar eine Seminarreihe mit dem Titel „Kolonialisierung der DDR? Kritische Analysen des deutschen Vereinigungsprozesses“. Neben dem politikwissenschaftlichen Diskurs war auch ein Buchprojekt Ergebnis dieser Seminarreihe – die Arbeiten der Studierenden sollten in einem Sammelband veröffentlicht werden. Für uns Studierende war das ein ungewöhnliches, durchaus motivierendes Projekt. Heraus kam ein 360 Seiten starkes Buch. Autoren und Herausgeber blickten stolz auf zwei ausverkaufte Auflagen und auf die darauf folgende dritte Auflage, auf eine Übersetzung ins Französische und besonders stolz auf einen Verriss in der FAZ und auf eine anerkennende Besprechung in der ZEIT.

Vor fünfzehn Jahren zog ich in das Haus, in dem sich Fritz Vilmar eine kleine Eigentumswohnung gekauft hatte. Im Treppenhaus sprachen wir öfters über Politik und Gesellschaft, gern auch über Belangloses – manchmal auch in unserer Stammkneipe oder bei ihm zu Hause bei rotem Wein. Fritz verfolgte eigentlich immer gerade ein neues Projekt; eines seiner letzten war das Strukturieren seiner Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft. In Fritzens Wohnung gingen Studierende ein und aus, sein Zuhause war zugleich Ort des Rückzugs und Ort des geselligen Miteinanders. Für Ordnung in seinem Leben sorgte Fritzens Lebensgefährtin Jessica. Sie war in allen Lagen an seiner Seite, formulierte, was er erdachte, und kümmerte sich selbstlos um sein Wohl.

Fritz verfolgte mit Interesse unsere Zeitschrift „das rathaus“. Die Redaktion bestand aus zwei ehemaligen Studenten von ihm. Dies bestärkte seinen besonderen Bezug zu diesem kommunalpolitischen Blatt. Jede Ausgabe wollte er in seinem Briefkasten haben, meistens erhielten wir sie nach einigen Tagen zurück – mit seinen Anmerkungen, kritischen Hinweisen und stets auch mit freundlichen Worten der Anerkennung. Dass die Zeitschrift von der FDP-nahen Vereinigung liberaler Kommunalpolitiker herausgegeben wurde, störte ihn nicht. „Ich bin auch ein Liberaler“, sagte Fritz. Und er fügte verschmitzt hinzu: „Ein liberaler Sozialist.“

Am 20. November 2015 starb Fritz, er brach vor unserem Haus zusammen. Uns bleibt sein wissenschaftliches Werk und uns bleibt die Erinnerung an einen klugen, bewundernswert engagierten Professor, dem seine Studierenden stets wichtiger waren als er sich selbst.

(Dieser Beitrag erschien zuerst im OSI-Club-Newsletter 1/2016)