Karlsruher Stolpersteine

Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit den von ihm so genannten Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus. Im Boden eingelassene kleine Messingtafeln weisen auf die letzte freiwillig gewählte Wohnstätte der Menschen hin, die gegen ihren Willen ihr Zuhause verlassen mussten. Auf den Messingtafeln stehen Namen, Lebensdaten und Schicksale der Menschen, soweit sie bekannt sind. Demnig hat sich weder auf eine bestimmte Opfergruppe festgelegt, noch will er nur an Menschen erinnern, die die NS-Zeit nicht überlebt haben.

In der Stadt Karlsruhe wurde unter dem Dach des „Fördervereins Karlsruher Stadtgeschichte“ eine Koordinationsgruppe für die Verlegung der Stolpersteine gebildet. Der Vorsitzende des Fördervereins, der ehemalige Karlsruher Stadtrat und promovierte Chemiker Hans-Jürgen Vogt, möchte nun die Zusammenarbeit mit Gunter Demnig beenden: Grund sei die „Änderung und Aufweichung der Strategie“ – der Verein hat sein Unverständnis darüber erklärt, dass Demnig auch Überlebenden und Angehörigen aus verfolgten Bevölkerungsgruppen gedenkt (Amtsblatt der Stadt Karlsruhe vom 12. Mai 2017).

Die Zeitung Badische Neueste Nachrichten (BNN) echauffierte sich über die „Strategieänderung Demnigs“ („Streit um Stolpersteine“, BNN vom 09.05.2017) – der Künstler fasse jetzt den Opferbegriff weiter und wolle auch „Überlebender und Angehöriger verfolgter Juden, Homosexueller und Kommunisten gedenken“. Tatsächlich aber wollte Demnig von Anfang an mit den Stolpersteinen eben nicht einzelnen Opfergruppen gedenken, sondern all den Menschen, die während der NS-Zeit gegen ihren Willen ihren Aufenthaltsort verlassen mussten.

In dem Beitrag der BNN wird als Beispiel der von Demnig verlegte Stolperstein zur Erinnerung an den verfolgten sozialdemokratischen Politiker Christian Daniel Nußbaum angeführt: Um sich seiner Verhaftung zu entziehen, habe er 1933 zwei Polizisten erschossen, die ihn abholen wollten. Dies sei durch die BNN erst publik gemacht worden. Die Stadt Karlsruhe reagierte mit der Entfernung des Stolpersteins für den 1939 in einer Wieslocher Anstalt ums Leben gekommenen Nußbaum.

Indes entsteht der Eindruck, die Stadt Karlsruhe beanspruche für sich die Entscheidungshoheit, wer des Gedenkens würdig sei und wer nicht. Menschen, die sich gegen ihre Verhaftung – aus welchen Gründen auch immer – gewehrt haben, passen nicht ins Bild des in Karlsruhe gewünschten Gedenkens: Die Stadt ließ das Gedenkwerk mit Hammer und Meißel in ihrem Sinne richtigstellen.

Auch ein anderer Gedankengang konsterniert: Sollte nicht auch für das Werk des Künstlers Gunter Demnig die grundrechtlich garantierte Freiheit der Kunst gelten – in Karlsruhe, dem Sitz des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs?

stolpersteine_3298

Advertisements